Seit Jahren trainiert ein chinesischer Meister in Nürnberg Tai Chi Chuan

Wenn Ji-Ming Zhang den Tiger umarmt . . .

Nürnberger Nachrichten
vom Montag, den 30.01.2006


Jede Bewegung wird tausendfach geübt: Tai Chi Chuan - hier der Chen-Stil - ist ein sehr eleganter Sport. Foto: Fengler

Kampfsportarten liegen im Trend. Nicht nur zur Selbstverteidigung entscheiden sich immer mehr Menschen, eine der vielen Techniken zu lernen, sondern auch, weil sich dabei das Selbstbewusstsein und die Persönlichkeit stärken lässt. In ihrer Serie hat die NZ schon zahlreiche Varianten des Kampfsports vorgestellt. Heute geht es um das chinesische Schattenboxen, Tai Chi Chuan. Außerdem gewährt Ji-Ming Zhang Einblicke in die chinesische Heilgymnastik Qi Gong.

 

Von Sebastian Linstädt

"Die Mähne des wilden Pferdes teilen. Den Tiger umarmen. Dem Vogel an den Schwanz fassen." Hört sich das wirklich gesund an? Eigentlich nicht. Dennoch verbirgt sich hinter derlei blumigen Beschreibungen, die viel eher auf ein sehr gestörtes Verhältnis zur lieben Tierwelt schließen lassen, nichts anderes als ein uraltes "Wellness"-Programm aus dem fernen Osten: Tai Chi Chuan (sprich Tai Tschi Tschuan), das chinesische Schattenboxen.

Wenn man Meister Jiming Zhang vom Nürnberger Tai Chi-Gesundheitszentrum gegenübersitzt, sind schnell alle Gedanken an Tierquälerei verflogen. Während der Wushu-Meister aus China von den Ursprüngen seiner Bewegungskunst berichtet, strahlt seine buddhahafte Erscheinung Entspannung pur aus. Das ist auch gut so, denn die Materie ist komplex.

Die drei Säulen des Wushu

Tai Chi Chuan ist eine von drei Säulen des chinesischen Nationalsports "Wushu". Dieser setzt sich außerdem noch zusammen aus Qi Gong (Sprich Tschi-Gung), einer fast dreitausend Jahre alten Gesundheitsgymnastik, sowie dem hierzulande dank einschlägiger Kinofilme bekannteren Kampfsport Kung-Fu. Dabei stellt Tai Chi Chuan sozusagen den Mittelweg zwischen dem eher zu Selbstverteidigungszwecken trainierten Kung-Fu mit sehr schnellen, harten Bewegungen einerseits und dem fast schon statisch anmutenden Qi Gong andererseits dar.

Dennoch kann Qi Gong als älteste Wushu-Disziplin auch als Keimzelle des fernöstlichen Gesundheitssports betrachtet werden. Durch gezielte Atemübungen und langsame Bewegungen der Arme und des Oberkörpers werden dabei im Körper Energiemeridiane und Kraftpunkte stimuliert, was nach fernöstlicher Auffassung der Lebenskraft Qi zu freiem Fluss durch den Körper verhilft und deswegen gesundheitsfördernd wirkt. Dass bereits das Erlernen des Gesundheitssystems Qi Gong Zeit in Anspruch nimmt, ist bereits im Namen enthalten: Gong bedeutet nämlich nichts anderes als "Mühe" oder "Zeit". Auch die Orientierung nach der Tieren der Wildnis, die von den alten Chinesen wegen ihrer Lebenskraft sowie ihrer Widerstandsfähigkeit gegenüber Krankheiten bewundert und verehrt wurden, findet sich bereits beim Qi Gong.

 Diese "animalische" Prägung hat sich schließlich auch ins Tai Chi Chuan übertragen: So steht der Begriff "den Tiger umarmen" weniger für verkannte Tierliebe mit Tendenz zum Suizid, sondern vielmehr für ein bis ins kleinste Detail genau festgelegtes Zusammenspiel 

komplexer Bewegungen, die sogenannte "Form". Das im Vergleich zu Qi Gong deutlich bewegungsintensivere Tai Chi Chuan wird nämlich in einer festgelegten Aneinderreihung solcher Formen trainiert.

Dabei werden allerdings noch verschiedene Stilformen unterschieden. Ji-Ming Zhang trainiert zwei unterschiedliche Stile Tai Chi Chuan. Zum einen den sehr populären Yang-Stil, der sich aus zeitlupenhaft langsamen ausgeführten und sehr exakten Formen zusammensetzt und auch als "weicher" Tai Chi Chuan-Stil bezeichnet wird. Er wird im Reich der Mitte allmorgendlich von gesundheitsbewußten Chinesen in öffentlichen Parks praktiziert.

Ji-Ming Zhang trainiert außerdem aber noch einen älteren und selteneren Stil: Den Chen-Stil, der auch als hartes Tai Chi oder Kung Fu-Tai Chi bezeichnet wird. Wie der Name schon sagt, sind die Abläufe der Formen hier deutlich schneller und die Bewegungen strahlen ein höheres Maß an Aggression aus. Diese Königsklasse des Tai Chi Chuan ist sehr schwer zu meistern, lediglich eine Hand voll fortgeschrittener Schüler kommt zum wöchentlichen Training.

Ein gewisser Perfektionismus ist beim Tai Chi Chuan in jedem Fall angebracht: Bis ein Schüler die ersten grundlegenden Bewegungsabläufe verinnerlicht hat, gehen schon mal gerne zwei Jahre ins Land. "Nichts für ungeduldige Menschen.", bestätigt Ji-Ming Zhang, der Tai Chi Chuan bereits ein Leben lang täglich übt. "Und erst recht nichts für Leute, die sich prügeln wollen.", fügt er resolut hinzu. Schließlich ist Tai Chi in erster Linie ein ästhetischer und eleganter Gesundheitssport, der Stress abbauen hilft und den Körper durch ständiges Training der Formen fit hält. Tai Chi Chuan wird deswegen auch gern als innere Kampfkunst bezeichnet, deren Fokus auf Körpererfahrung und meditativen Elementen liegt.

Sollte allerdings ein unerfreulicher Ernstfall eintreten, ist ein gut trainierter Tai Chi Chuan Schüler sehr wohl in der Lage, die einstudierten Bewegungsabläufe blitzschnell umzusetzten und die Kraft des Gegners auf überraschende Weise gegen ihn zu richten.

Von der gesundheitsfördernden Wirkung von Qi Gong und Tai Chi Chuan, die in China seit Jahrhunderten von Schülern beiderlei Geschlechts und jeder Altersgruppe betrieben werden, sind hierzulande einige Krankenkassen ausreichend überzeugt um einige Kurse zu bezuschussen. Das gilt selbstverständlich nur für Schulen mit anerkannten Lehrern wie Ji-Ming Zhang, der auch regelmäßig in der Volkshochschule Kurse gibt.

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